Freitag, 19. April 2019

„Linda“ - eine Weihnachtsgeschichte

Essay über „Linda“ von Gerhard Gundermann

Einige von Gerhard Gundermanns Liedtexten weisen für allegorische Texte typische Gestaltungselemente auf. In meinen Essays zu „Linda“ und zu „Drachentöters Vater“ folge ich den von ihnen ausgehenden Hinweisen für die Interpretation.
Einen Überblick über die Theorie gibt der ebenfalls im Blog eingestellte Essay „Allegorie“.
Informationen zu Gundermann und seinem Werk findet man z.B. auf der Homepage
http://gundi.de/gundermann/interviews.shtml des Vereins Gundermanns Seilschaft e.V.

Staunend und bewegt erzählt der Sprecher in den ersten vier Zeilen einen Wendepunkt in seinem Leben. Mit der Geburt des Kindes Linda zieht in sein zuvor als öde erfahrenes Dasein neue Lebensfreude ein. Seine Fähigkeit zu fühlen und zu lieben kehrt wieder zurück und eine Zukunftsperspektive eröffnet sich.

           Du bist in mein herz gefall´n
           wie in ein verlassnes Haus
           hast die Fenster und Türen weit aufgerissen
           das Licht kann rein und raus.

Der Beginn mit der Anrede „Du“ erzeugt eine Atmosphäre der Nähe und lässt die Innigkeit der Gefühle spüren, verstärkt noch durch den Melodieverlauf, der die erste Zeile geradezu in eine Atmosphäre der Andacht taucht. Wenn der Sprecher diese vier Zeilen am Ende des Liedes wiederholt, hat er in der Erinnerung noch einmal einen Tiefpunkt seiner nahen Vergangenheit durchlebt, so dass das Glück der Gegenwart umso stärker zum Ausdruck kommt.


Die Queste
Auch in den letzten vier Zeilen des Lieds scheint noch einmal die Vergangenheit als spirituelle Notlage auf, die typische Ausgangssituation für das Erzählmuster einer Queste. „Vielleicht kannst du mein Lotse sein“ formuliert den Wunsch des Sprechers nach Orientierung auf seinem weiteren Lebensweg. Dem Kind Linda wird dabei die für eine Queste charakteristische Rolle der Führerfigur zugewiesen.
Sieht man den Sprecher als Protagonisten einer Queste, so begegnen ihm in den dargestellten Lebensphasen zwei einander entgegen gerichtete Kräfte: das Leben in seiner Fülle, wie er es in der Gegenwart erfährt, repräsentiert durch das Kind Linda (Strophen 1 und 3) und im Kontrast dazu in der nahen Vergangenheit, die im Zentrum der zweiten Strophe steht, der Tod.
Die frühere Lebensphase wird durch Metaphern beschrieben, die an eine Depression denken lassen. Das Herz als verlassenes Haus veranschaulicht die seelische Leere. Die dicke Haut schützt zwar vor Verletzungen, schränkt aber auch die Fähigkeit zu fühlen und zu empfinden ein.1 Der Sprecher sieht das Leben als Glücksspiel, glaubt also keine Kontrolle über sein Schicksal zu haben ("Ich wusste wie die Kugel rollt und war nicht mehr interessiert") und ist gleichgültig gegenüber dem Tod bis hin zu Selbstmordgedanken.
Das Leben, in der zweiten Strophe symbolisiert durch den Kirschbaum, der blühen und Früchte tragen kann, erweist sich jedoch als stärker als der Wunsch zu sterben, auf den die vergrabene Pistole metonymisch verweist.2 Die Begründung: „weil ich doch hierbleiben muss“ wird hier nicht ausdrücklich aus der Geburt Lindas abgeleitet, sondern kann sich auch auf einen davor liegenden Zeitpunkt beziehen. Die genaue Chronologie der Ereignisse bleibt unbestimmt.
Der eigentliche Stimmungsumschwung, die Wiederkehr von Freude und Optimismus (das Erscheinen des Weihnachtslands am Horizont des Möglichen), ist jedoch ganz klar die Folge der Geburt Lindas. Ihre Ankunft befreit den Sprecher aus der zuvor erfahrenen seelischen Leere.
Interessant ist, dass er sie nun als Führerfigur für den weiteren Weg wählt, wo er doch eigentlich der seelischen und spirituellen Notlage schon entkommen ist.
Das Erzählmuster der Queste, auf das gerade in der dritten und letzten Strophe angespielt wird, erinnert nun daran, dass die Geburt des Kindes kein Ende sondern ein Neuanfang mit neuen Herausforderungen ist. Dass der Sprecher das Kind als Führerfigur wählt, bestätigt noch einmal, dass er sich für das Leben entschieden hat, denn durch die Metaphorik ihrer Handlungen („hast die Fenster und Türen weit aufgerissen“, „hast mich wieder ausgeschnitten“), die ihre wiederbelebende, regenerierende Wirkung auf ihn veranschaulicht, erscheint Linda als die Personifikation des Lebens. „Vielleicht kannst du …. sein“ deutet ein vorsichtig tastendes Verhältnis an, das sich erst bewähren muss, was die zwar hoffnungsvolle aber gleichzeitig nachdenkliche Stimmung am Ende der dritten Liedstrophe erzeugt.3


Die Weihnachtsgeschichte
Die ausdrucksstarke Metapher vom Herzen als verlassenes Haus, in das mit der Geburt des Kindes neues Leben einzieht, verweist auf die Weihnachtsgeschichte als Prätext.4 Trotz der Analogie mit der der Liedtext spielt, bleibt die beschriebene Glückserfahrung von Erlösung und neuem Leben, die durchaus den Charakter eines Erweckungserlebnisses hat, eine rein Weltliche. Eine mögliche allegorische, also christliche, Deutung wird zurückgewiesen, denn er wählt nicht Christus als Führerfigur (Lotse)5 sondern sein Kind.6 “heim ins Weihnachtsland” deutet an, dass er sich nach der kindlichen Freude und dem kindlichen Staunen sehnt, das insbesondere Weihnachten hervorruft.


Dialektik
Die allegorischen Darstellungsformen (Prätext der Weihnachtsgeschichte und Queste) sind nicht die einzigen Strukturelemente. Das Verhältnis von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft entspricht dem von These, Antithese und Synthese.7 Die Depression der Vergangenheit und das Glück der Gegenwart stehen aber nicht gleichberechtigt nebeneinander. Vielmehr klammern die erste Strophe, die von der Gegenwart handelt und die 3. Strophe, die von ihr in die Zukunft überleitet, die überwundene depressive Phase der Vergangenheit ein.


Humor
Während in den Strophen das emotionale Erleben des Sprechers in einer überwiegend ernsten Tonlage sehr unmittelbar erfahrbar wird, dominiert im Refrain ein humorvoller Ton. Dieser deutet auf Distanz zum Erlebten: Die Krise ist überwunden. Freude, Stolz und fast etwas wie Übermut kommen auch in der schwungvoll aufsteigenden Melodie zum Ausdruck. Die Zeilen sind gleichzeitig Ausdruck einer nicht-materialistischen Weltanschauung, die Gundermann auch in einigen anderen Liedern und Interviews thematisiert hat.
"Jetzt komm die fetten Tage" beschreibt eine Zeit, in der alles, was man zum Leben braucht, reichlich vorhanden ist. Die Metapher wird durch "Wir ham so lang auf dich gespart." ergänzt, was humorvoll auf ein zumindest karges, wenn nicht ödes Leben in der Vergangenheit deutet, humorvoll, da die Formulierung eher an einen begehrten Gegenstand denken lässt als an ein Kind. Da es das Kind ist, das Reichtum bringt und nicht ein Gegenstand oder Geld, liegt eine metaphorische Interpretation als seelischer Reichtum nahe – das Kind selbst macht das Leben reich.8
Die leicht selbstironische Wirkung von „Die Alten sind nochmal am Start.“ beruht auf der doppelten Bedeutung von „die Alten“, einmal als umgangssprachliche, eher respektlose Bezeichnung (konventionalisierte Metapher) für Eltern, zum anderen wörtlich als die alten Leute, von denen man das eigentlich nicht mehr erwartet hat und die nun neue Kraft durch ihr Kind gewinnen.

Im Zusammenhang mit dem neuen Leben scheint schon in der ersten Strophe Humor auf. Dabei wird der poetische Stil der ersten vier Zeilen in der zweiten Hälfte der Strophe im Zusammenhang mit dem Wendepunkt im Leben durch umgangssprachliche Ausdrücke und Redewendungen (z.B. laute Braut", "dicke Haut") durchbrochen. In der zweiten Strophe wird durch „meine Pistole war geladen“ ein Spannungsbogen erzeugt, und durch die Antiklimax "ich hab sie unterm Kirschenbaum vergraben" zum Zusammenbrechen gebracht.
Das Spiel mit verschiedenen Sprachstilen lässt sich auch in anderen Gundermann-Liedern beobachten.9


Schlusswort
Das Lied beschreibt also sowohl gefühlvoll als auch humorvoll das Überwinden einer depressiven Phase des Lebens und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts mit dem Kind Linda, der aber nicht als konventionelles „happy end“, sondern als eine bevorstehende Suche dargestellt wird, die von Hoffnung geprägt ist. Entsprechend ist die Stimmung in der letzten Strophe nicht euphorisch, sondern nachdenklich-melancholisch.
Das letzte Wort hat jedoch der humorvolle Refrain vom reichen Leben und dem Neuanfang der Alten.

1Eine dicke Haut/ein dickes Fell haben ist eine Redensart. www.redensarten-index.de
2 Das Instrument zur Selbsttötung steht für die Handlung.
3 Das 'Weihnachtsland', zu dem das Kind den Weg weisen kann, ist nicht ein Fest des Friedens in dem in der ersten Strophe konnotierten Sinn des in Ruhe gelassen Werdens und nichts an sich heran kommen Lassens, das die dicke Haut ermöglicht. Die Verwendung des an sich positiv belegten Begriffs bekommt in diesem Zusammenhang eine ironische Qualität.
4Die Terminologie geht zurück auf Quilligan, The Language of Allegory, 1992, zitiert in Kurz, S. 44.
5„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14,6)
6 Damit ist „Linda“ ein Beispiel für einen allegorischen Text in dem die initiale Bedeutung – der offensichtliche Gegenstand des Erzählens oder Beschreibens - klar dominiert. Der Begriff „initiale Bedeutung“ stammt aus Quilligan, The Language of Allegory, 1992, und wird von Gerhard Kurz, Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen: Vandenhoeck, 1982, S. 44 zur Beschreibung der Funktionsweise allegorischer Texte eingesetzt.
7Dialektischer Materialismus (siehe Drachentöter)?
8Auch hier ist ein Verweis auf einen Prätext aus der Bibel möglich, der Traum des Pharaos von den sieben fetten und sieben mageren Jahren, den Joseph deutet (1. Mose, 41).
Damit impliziert der Refrain auch eine nicht-materialistische Lebensauffassung wie z.B. auch
und musst du weinen“.
9David Robb stellt diesen Umgang mit Sprache, den er sowohl bei ost- als auch westdeutschen Liedermachern beobachtet, in die Tradition politischer Lieder der Revolution von 1848. David Robb ed., Protest Song in East and West Germany since the 1960s, Rochester and Woodbridge: Camden, 2007, S. 3

"Drachentöters Vater" - Allegorie der Macht

Essay über "Drachentöters Vater" (1982) von Gerhard Gundermann

Einige von Gerhard Gundermanns Liedtexten weisen für allegorische Texte typische Gestaltungselemente auf. In meinen Essays zu „Linda“ und zu „Drachentöters Vater“ folge ich den von ihnen ausgehenden Hinweisen für die Interpretation.
Einen Überblick über die Theorie gibt der ebenfalls im Blog eingestellte Essay „Allegorie“.
Informationen zu Gundermann und seinem Werk findet man z.B. auf der Homepage
http://gundi.de/gundermann/interviews.shtml des Vereins Gundermanns Seilschaft e.V.

Das Lied „Drachentöters Vater“ von 1982 ist die Schimpfrede eines Vaters anlässlich der Rückkehr seines Sohnes, des Drachentöters, von seiner offensichtlich fehlgeschlagenen Mission („verhinderter Held“). In vier Strophen hält der Vater dem Sohn den Spiegel vor und macht ihn für sein Scheitern verantwortlich. Die dadurch erfolgte Demütigung macht den jungen Mann wütend, sodass der Vater sich seinem Hass erfüllten Sohn gegenübersieht, worauf er unerwartet ankündigt mit diesem in einen neuen Kampf zu ziehen.
Auf den ersten Blick rührte mich diese Wendung sehr. Sie erschien mir als ein starker Ausdruck der väterlichen Liebe und der vorausgehende Schwall von Vorwürfen als das Hervorbrechen angestauter Sorge um den Sohn. Bei genauerer Betrachtung ist die Abfolge von Anklage und Zuwendung aber nicht so spontan wie sie zu sein scheint, denn die Rede ist kunstvoll strukturiert, was darauf hinweist, dass sie ein Mittel zu einem Zweck ist. Die dem Liedtext unterliegenden allegorischen Erzählmuster sowie die Rhetorik des Vaters unterstützen diese Interpretation.


Allegorische Erzählung
Der Titel „Drachentöters Vater“ ist der erste in einer Reihe von Hinweisen, die eine allegorische Interpretation nahelegen. Er verweist auf das aus der Heldendichtung überlieferte allegorische Erzählmuster der Queste. Der Sohn ist der Held, der auszog um auf seiner Reise schwierige Aufgaben zu bewältigen und gegen das Böse zu kämpfen mit dem Ziel bei der Rückkehr gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen.
Die Konfrontation des Sohns durch den Vater deutet auf das allegorische Erzählmuster des Streitgesprächs hin, das in dem Lied jedoch einseitig vom Vater geführt wird. Die einzige Erwiderung des Sohnes besteht in einem Blick, der kalt und hasserfüllt ist, nachdem ihm die gesuchte Anerkennung verweigert wurde.

Die Weltanschauungen, für die Vater und Sohn stehen, lassen sich aus der Schimpfrede rekonstruieren. Aus der Perspektive des Vaters erscheint der Sohn als Idealist. Die Bezeichnung „Drachentöter“ ist eine Anspielung auf die Legende vom Heiligen Georg (Drachentöter), der sich durch mutigen Kampf gegen das Böse (versinnbildlicht in der Figur des Drachens) und durch die Bereitschaft für seinen Glauben zu leiden, auszeichnete.1 Der Vater kritisiert den Sohn dafür, dass er die Welt verändern wollte („die kopfstehende Welt umdrehen“) und wirft ihm vor die damit verbundenen Gefahren ignoriert zu haben.
Die Argumente des Vaters sind Ausdruck einer eher materialistischen Weltanschauung. Er hebt die Hindernisse auf dem Weg und die Verletzungen, die der Sohn davongetragen hat, hervor und kommt zu dem Schluss, dass sich das Abenteuer nicht gelohnt hat. Aus seiner Sicht ist der Sohn gescheitert, weil er seine Ziele viel zu hoch gesteckt („die kopfstehende Welt umdrehen“, „die Sonne zu hissen“), sich selbst überschätzt und die Schwierigkeit seiner Aufgabe und seinen Gegner unterschätzt hat („all die Steine im Weg zerfallen zu Staub“, „und böse Drachen wärn … mehr was zum Lachen“). Er macht seinem Sohn klar, dass sein Idealismus letztlich nur zu seinem Zusammenbruch mit den Symptomen eines Burnouts führte („Die Seele erfriert und am Ende die Kraft“).
Statt die Anstrengungen des Sohnes anzuerkennen wie es der Konvention der Heldendichtung entspricht und damit seine Erwartungen zu erfüllen, verurteilt er sie bis er sich schließlich dem hasserfüllten Blick des Sohnes ausgesetzt sieht, der ihn schmerzt. Wenn er den Sohn zur Einsicht bringen wollte, hat er nun genau das Gegenteil erreicht, er hat ihn gegen sich aufgebracht und versucht nun mit dem Verweis auf sein Alter in der Tradition der Topoi der Altersklage („ich bin fast ein Greis“) und des Alterslobs („ich bin schon weise“) ein Einlenken des Sohnes zu erreichen.
Da der Liedtext eine Rede (bis einschließlich Strophe 4 eine Schimpfrede) ist, sind auch die poetischen und rhetorischen Stilmittel für die Charakterisierung des Sprechers und seines Verhältnisses zu seinem Sohn relevant.


Rhetorische Analyse
Der Titel „Drachentöters Vater“ ist auch ein Hinweis darauf, dass der Liedtext ein Rollengedicht ist, d.h., dass die Figur des Vaters im Zentrum des Interesses steht.2
Im Monolog des Vaters wird die Vater-Sohn Konstellation mit den Worten „Nun stehst du vor mir“ zu Beginn der Strophen 1, 3 und 5 leitmotivisch vor Augen geführt, gefolgt von einer Beschreibung des körperlichen und seelischen Zustands des Sohns aus der Sicht des Vaters.

Die Strophen 2 und 4 sind durch parallele Syntax miteinander verbunden. Ihre erste Verszeile leitet jeweils eine rhetorische Frage ein („Ja hast du gedacht/geglaubt…) , mit der der Vater dem Sohn die möglichen Illusionen vor Augen führt, die ihn zu seinem Auszug bewegt haben könnten.
Die auffällige Dichte an poetischen und rhetorischen Stilmitteln steht im Gegensatz zu der materialistischen Weltanschauung des Vaters, welcher sich sich ja ganz auf die Bilanz des Abenteuers konzentriert, wozu eine sachlichere rhetorisch sparsamere Redeweise passen würde.
Mit hyperbolischen Metaphern weist er auf die Fehleinschätzungen des Sohnes hin. Die Bilder stammen aus dem kosmischen Bereich („die Sonne zu hissen“, „zu den Wolken gestartet“) und aus den Genres der Heldensage und des Märchens („und böse Drachen“). Sie lassen das Abenteuer im Rückblick als geradezu größenwahnsinnig erscheinen („Ja hast du gedacht es wird wie ein Fest“, „du solltest doch wissen, es ist kein Spiel“, „und böse Drachen wärn feige und faul“).
Über vier Strophen führt der Vater dem Sohn sein Versagen detailreich vor Augen, unterstrichen durch eine hohe Dichte an Stilmitteln – Parallelismus auch innerhalb der Strophen, Binnenreime, Assonanzen und Alliterationen. Der überladene Stil seiner Rede lässt den Vater selbstbezogen und daher blind für die Bedürfnisse des Sohnes erscheinen. Als Vergleichstext (möglichen Prätext) mit einem vorbildlichen Vater könnte man das Gleichnis vom Verlorenen Sohn anführen, in dem der Vater den zurückkehrenden Sohn mit großer Freude empfängt (Lukas Kapitel 15, 11-24).


Dialektik
Die letzte Strophe mit dem Plan sich noch einmal gemeinsam auf den Weg zu machen („ich werde mitgehn“) wirkt nach der Schimpfrede wie ein Versöhnungsangebot. Nach der Theorie des dialektischen Materialismus stellt die implizite Aufforderung des Vaters die Synthese da, die aus der antithetischen Konstellation der Weltanschauungen von Vater und Sohn folgen muss.3 Einerseits impliziert „Ich werde mitgehn“, dass der Vater die Ziele seines Sohns zu seinen eigenen macht. Seine Worte scheinen seine Bereitschaft sein Leben für seinen Sohn zu opfern auszudrücken, auf den ersten Blick also eine noble Geste. Andererseits lässt der Vater den Sohn gar nicht zu Wort kommen. Er scheint ihn eher als Marionette zu behandeln als als Mensch mit seinen eigenen Vorstellungen und Zielen. Indem er die Führungsrolle einnimmt, nimmt er auch eine bevormundende oder sogar bestimmende Haltung gegenüber seinem Sohn ein auf Kosten von dessen Unabhängigkeit („und zwar vor dir her.“).
Diese Interpretation führt zu der Frage zurück, welche Funktion die Rede als Ganzes einnimmt. Wenn man annimmt, dass der Vater von Anfang an mit ihr ein eigenes Ziel verfolgt, erscheint die erbarmungslose Kritik an seinem Sohn als Mittel zum Zweck. Er soll sich so wertlos fühlen, dass er am Ende das Angebot eines gemeinsamen Abenteuers im Sinne des Vaters dankbar annimmt.

Initiale und allegorische Bedeutung
Vor dem Hintergrund dieser allegorischen Deutung fragt es sich, wie es dann zu meinem ersten Eindruck kommen konnte. Er ist nicht falsch, sondern entspricht der initialen Bedeutung des Liedtexts. Initiale und allegorische Bedeutung verhalten sich wie ein Vexierbild (z.B. Kaninchen - Ente). Hat man das eine Bild vor Augen, „verliert“ man das andere und umgekehrt. Hat sich das andere vor dem Auge konstituiert, kann man das erste nicht mehr sehen.
Im Liedtext kippt das gutmütige Schimpfen und die noble väterliche Aufopferung der initialen Bedeutung durch allegorische Deutung über in eine überrumpelnde Machtstrategie. Welches Bild sichtbar wird, ob tatsächlich eine Entlarvung der Machtstrategie erfolgt, hängt vom Leser ab.4

Der Liedtext von „Drachentöters Vater“ hat seine Wurzeln sicher in Lebenserfahrungen des Autors. Die Vater-Sohn-Konstellation kann aber auch als allegorische Darstellung typischer gesellschaftlicher Machtverhältnisse interpretiert werden.

Mögliche biographische und soziohistorische Bezüge
Gerhard Gundermann gehörte zu den Künstlern, die an die Ideale des Sozialismus glaubten, aber mit seiner Verwirklichung in der DDR unzufrieden waren. Es ist gut möglich, dass die allegorische Erzählung von „Drachentöters Vater“ ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen hat, die er als junger Mann in den 70er und 80er Jahren mit den Vertretern von Partei und Staat über diese offensichtliche Diskrepanz geführt hat.5 Er kritisierte zum Beispiel die Verhältnisse im Braunkohlebergbau und machte Verbesserungsvorschläge sowohl zur Steigerung der Produktivität als auch zur Verminderung der Sicherheitsrisiken für die Bergleute. Seine Rolle in „Drachentöters Vater“ wäre also die des idealistischen Sohns – St. Georg, auf den der Titel anspielt, ist unter anderem der Schutzheilige der Bergleute – während der Vater die Parteifunktionäre repräsentiert. Die allegorische Darstellungsform ist also das Resultat eines hohen Grades an Abstraktion im Verlauf der Verarbeitung des Konflikts, wobei diese Abstraktion eine Verschlüsselung und damit eine indirekte Kritik an den Verhältnissen ermöglichte.6
Der Wunsch mehr Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft in der DDR nehmen zu können, war für ihn auch ein Motiv für seine Stasimitarbeit. In diesem Zusammenhang könnte die Vater-Sohn-Beziehung im Lied auch als allegorische Darstellung seines inneren Konflikts interpretiert werden.7
Im „Drachentöter“ steckt sicher auch eine Anspielung auf Gundermanns Jugendtraum ein
ein Held zu sein und für die sozialistischen Revolutionen in Mittelamerika zu kämpfen. „Chile 73, da wollte ich sofort hin.““8

Aktualität
Der Liedtext ist eine auch heute noch aktuelle Darstellung von Machtverhältnissen, die auf den Punkt bringt wie Konflikte zwischen Vertretern der Realpolitik und Weltverbesserern in der Regel verlaufen.
Das neueste Beispiel ist die Reaktion einiger Politiker auf die „Fridays for Future“ Demonstrationen. Der Rat doch den „Experten“ zu vertrauen oder sich in politischen Parteien zu engagieren, ist wie das Angebot des Vaters im Lied - „Ich werde mitgehn und zwar vor dir her.“ - ein Versuch die Protestierenden auf Linie zu bringen um das berechtigte Anliegen wieder in den Hintergrund zu drängen und wie bisher weiter machen zu können.
Auch die Machtverhältnisse bei der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, die zur eins zu eins Übernahme des westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells führten bei gleichzeitigem Versprechen „blühender Landschaften“ durch Bundeskanzler Helmut Kohl, entsprechen der Vater-Sohn-Konstellation des Lieds. Gundermann gehörte zu denjenigen, die von dieser Entwicklung enttäuscht waren.



1Die Legende vom Heiligen Georg wäre also ein möglicher Prätext nach Quilligan (Kurz, S. 44).
2 Die folgende Definition von “Rollengedicht” wird baldmöglichst durch eine Wissenschaftlichere ersetzt. “Ein Rollengedicht ist eine (weitgehend historische) Form des Gedichts, in dem das lyrische Ich die Rolle einer Figur übernimmt, wodurch die Rede dieser Figur in den Mund gelegt wird. Nicht selten verweist bereits der Titel des Gedichts auf die „sprechende“ Person. Häufige Rollen sind Knaben, Schäfer, Wanderer und Figuren aus der Mythologie . de.wikipedia.org/wiki/Rollengedicht
3Der dialektische Materialismus war ein Fundament der Staatsideologie der DDR. de.wikipedia.org/wiki/Dialektischer_Materialismus).
4 „Umgekehrt hat es die Allegorie Autoren erlaubt, politisch riskante Themen in der Öffentlichkeit zu lancieren
und die Verantwortung für die anstößige Bedeutung auf die Leser abzuwälzen.“
Haselstein, Allegorie, DFG-Symposion 2014, S. 338
5 David Robb stellt fest, dass die Diskrepanz zwischen Utopie und Realität des Sozialismus ein wichtiges Motiv für Liedermacher in der DDR war. David Robb ed., Protest song in East and West Germany since the 1960s, Rochester: Camden House, 2007, S. 4
6Die Äußerungen Gundermanns zu den Rollen der Arbeiter und der Leiter im Produktionsprozess weisen einen hohen Grad an Abstraktion auf („Da müssen wir wohl die Füsse bemühn“, Interview mit Gerhard Gundermann, FDJ-Singe No 17, aus dem Archiv ohne Jahresangabe, aber auf jeden Fall vor 1989).
7 In der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen europäischen Literatur sind allegorische Erzählungen typischerweise Repräsentationen innerseelischer Kämpfe der handelnden Figuren in Weiterentwicklung der spätantiken Psychomachia von Prudentius aus dem 5. Jahrhundert n.Chr. Tambling S. 48-49 (Jeremy Tambling, Allegory, London [u.a.]: Routledge, 2009)

8„Da müssen wir wohl die Füsse bemühn“, Interview mit Gerhard Gundermann, FDJ-Singe No 17

"Dragon slayer´s father" - an allegory of power relations

An Essay on “Dragon slayer´s father” by Gerhard Gundermann

Some of Gerhard Gundermann´s lyrics contain narrative structures that are typical of allegorical texts. In my essays on “Linda” and on “Dragon slayer´s Father” I have followed the clues they provide for an interpretation of the lyrics.
All the translations into English are my own.
I have also posted an overview of the theory with the title “Allegory” on this blog.
Gundermanns Seilschaft e.V. provides information on Gundermann and his work.

The song “Dragon slayer´s father“ (1982) is a father´s tirade given at his sons´s return from an unsuccessful mission („a hero who has failed“). In four stanzas the father holds up the mirror to his son and blames him for his failure. In the course of this act of humiliation the father sees himself confronted with the hatred in his son´s gaze, then unexpectedly declares that he´ll join his son in a new quest or battle.
At first glance I was deeply moved by this turn of events. It appeared to be a strong expression of fatherly love as was the preceding tirade in which the father gave vent to his pent-up emotions. On closer examination, however, the sequence of blame and affection is not as spontaneous as it seems to be, because the speech is artfully composed, which is a clue that it might be a means to an end, that it serves the purpose of bending the son to his own will. Both the allegorical narrative patterns underlying the lyrics and the father´s rhetoric support this view.

Allegorical narrative
The title is the first of a number of clues encouraging an allegorical interpretation. It evokes the narrative pattern of the heroic quest. The son is the hero who ventured out and had to face challenges and to fight against evil in order to receive social recognition.
The father confronting his son evokes the allegorical narrative pattern of the debate, which in this song lyrics is dominated entirely by the father. As the son is denied the sought-for recognition, his only reply is his gaze full of hatred.
The mindsets of father and son can be reconstructed from the tirade. From the father´s point of view the son appears as an idealist. The name “dragonslayer“ itself is an allusion to the legend of St. George who is considered an epitome of courage in the face of evil and of strength of belief.1 In his tirade the father blames his son for pursuing high-minded goals (“die kopfstehende Welt umdrehen“), and for not heeding the dangers enough. All these clues indicate that the son represents an idealist world view.
The father´s arguments, by contrast, point to a materialist attitude. Focusing on the obstacles and the injuries his son received he concludes that the adventure wasn´t worth the effort. In his opinion his son has failed because he set himself unreachable goals („die kopfstehende Welt umdrehen“, „die Sonne zu hissen“), overestimated himself and underestimated his opponents and the challenges ahead („all die Steine im Weg zerfallen zu Staub“, „und böse Drachen wärn … mehr was zum Lachen“). He points out to his son that his idealism has not led to anything but a breakdown with symptoms of a burnout syndrome. („Die Seele erfriert und am Ende die Kraft“).
Instead of acknowledging his son´s efforts as is the convention and thus fulfilling his son´s expectations, he denounces them until he finally sees himself confronted by the hatred in his son´s eyes which causes him pain. If he wanted to make his son come to his senses, he just managed to arouse resentment and hostility. To ease the tension he points to his old age making use of the topoi of the complaint of old age “ich bin fast ein Greis“ and the praise of old age “ich bin schon weise“.
As the song lyrics is actually a speech (from the beginning to stanza 4 a tirade), the rhetoric also contributes to a characterization of the speaker and his relationship with his son.


Rhetorical analysis
The title “Dragonslayer´s Father” indicates that the lyrics is a dramatic monologue which entails that the personality of the father is at the centre of attention.2 In the father´s monologue the constellation of characters with the father facing his son is evoked in the first line (“Nun stehst du vor mir ...). As the line is repeated at the beginning of stanzas 3 and 5 (paralellism), this constellation remains present in the readers´ minds and takes on the function of a leitmotif. Each time it occurs it is followed by an assessment of the son´s physical and mental condition. Likewise, stanzas 2 and 4 are linked by parallelism in their first lines. These first lines are also the beginnings of rhetorical questions about the magnitude of the delusion his son must have been under when he ventured out on his mission.
The profuse rhetoric clashes with the father´s materialistic outlook, who is entirely focused on the outcome of the adventure, which would comply with a more economical style.
steht im Gegensatz zu der materialistischen Weltanschauung des Vaters, welcher sich sich ja ganz auf die Bilanz des Abenteuers konzentriert, wozu eine sachlichere
The dominant figure is the hyperbola. The son´s adventure is characterized by cosmic metaphors (“die Sonne zu hissen“, “zu den Wolken gestartet“) or metaphors from epic or fairy tales („und böse Drachen“), which make it appear megalomaniac. The father uses hyperbolic metaphors to point to his son´s misjudgments (“Ja hast du gedacht es wird wie ein Fest“, “du solltest doch wissen, es ist kein Spiel“, “und böse Drachen wärn feige und faul“).
Throughout the first four stanzas the father confronts his son with his failure in loving detail using a high rate of poetic and rhetorical devices such as metaphors, parallelism, internal rhyme, assonance and alliteration – to give colour to his elaborations. The extravagant style of his speech characterizes the father as self-absorbed and therefore blind to his son´s needs. The parable of the Lost Son in the New Testament with the father welcoming his son back could serve as a frame of reference for this value judgment3.


Dialectic
The ending with the father announcing a joint mission seems like an offer of a reconciliation after the tirade. According to the theory of dialectic materialism the father´s plan corresponds to the synthesis which develops from the antithetical constellation of the world views of father and son.4 On the one hand, “Ich werde mitgehn.“ implies that the father makes his son´s aims his own. His words seem to communicate his willingness to sacrifice his own life for his son which appears like a noble gesture. On the other hand the father doesn´t give his son the opportunity to speak for himself. He seems to treat him more like a puppet than a human being with his own ideas and aims. By taking the lead his attitude can be seen as patronizing or even domineering at the expense of the son´s independence.
Looking at the speech as a coherent whole it would even make sense to assume that the father pursues an agenda of his own from the beginning, that he denounces his son´s efforts in order to make him feel worthless and the more grateful for the offer of a joint mission.



Initial and allegorical meaning
In the light of this allegorical interpretation, how can my first impression be explained? It is certainly not wrong, but corresponds to the initial meaning of the lyrics. Initial and allegorical meaning relate to each other in the same way as the two pictures of a flip-flop image (e.g. rabbit – duck). It is only possible to see one of the pictures at one moment in time. If the other pops up in front of your eyes, the first one disappears and vice versa. In the lyrics the father´s good-natured telling-off and his noble final gesture, the initial meaning, suddenly change into an assertion of authority. It depends on the reader whether they are able to decode this allegorical meaning, guided by the clues revealing the power play or whether the initial meaning remains stable to them.5
The lyrics of “Dragonslayer´s Father” certainly originates from the author´s experience, but the father-son constellation can also be interpreted as an allegorical representation of typical power relations in society.


Possible biographical and socio-historical context
Gerhard Gundermann was one of those GDR artists who believed in the ideals of socialism, but were dissatisfied with its realization in the GDR.6 It might well be that the allegorical narrative of „Dragonslayer´s Father“ originated in the struggles of the young Gundermann in the 1970s and 80s with representatives of party and state about this obvious discrepancy.7 Not only did he criticize the conditions in open cast mining, but he also made suggestions on how to increase both productivity and the security of the miners. Thus, his role corresponds to that of the idealist son in „Dragonslayer´s Father“ - the dragonslayer St. George is among others the patron saint of miners - with the party functionaries as the father. This makes the allegorical mode the final stage in a process of abstraction which ultimately serves as a code enabling indirect criticism of contemporary circumstances.8
In the end it was due to his desire to improve GDR society/change GDR society for the better which led him to collaborate temporarily with the Stasi, the secret service of the GDR. The father-son relationship in the song can be interpreted as a representation of his inner conflict in this context.9

The figure of the „dragon slayer“ might also be an allusion to Gundermann´s childhood dream of being a hero and of fighting in the socialist revolutions of Central America. ”Chile 73, da wollte ich sofort hin.“ [Chile 73, I would have gone right away. (My translation)]10


Topicality
As a representation of power relations the lyrics of „Dragonslayer´s father“ is still up-to-date. It exposes a common strategy of the representatives of „Realpolitik“ when they are faced with
more idealist positions.
The reactions of some politicians to the „Fridays for Future“ demonstrations are the latest example of a patronising stance as illustrated by dragonslayer´s father. Their advice for the protesting youth to trust the „experts“ or to join political parties is another way of saying „Ich werde mitgehn und zwar vor dir her.“ and certainly an attempt to make the protesters toe the line, in order to be able to get back to business as usual and put the youths´ just cause on the
back burner.
Power relations during the reunification of Germany in 1990, which led to a one-to-one assimilation of East Germany to West Germany with Chancellor Helmut Kohl promising flourishing landscapes, („blühende Landschaften“)11, can also be seen as corresponding to the father-son-constellation in the song. Gundermann was one of those who were gravely disappointed with this development.




1So the legend is a possible praetext. (Kurz, p. 44)

2 For want of access to a research library, I drew on the most appropriate internet definition of a dramatic monologue: poetic form in which a single character, addressing a silent auditor at a critical moment, reveals himself or herself and the dramatic situation. www.dictionary.com/browse/dramatic-monologue

3Lukas Chapter 15, 11-24.

4Dialectical materialism was fundamental to the state ideology of the GDR. en.wikipedia.org/wiki/Dialectical_materialism. The song “und musst du weinen” is also structured according to the principle of antithetical stanzas being followed by a kind of synthesis.

5 „[...], the allegory enabled the author to broach politically problematic topics in public and to make the reader responsible for socially unacceptable content.“ Haselstein, Allegorie, DFG-Symposion 2014, S. 338, my translation.

6 David Robb has found that the discrepancy between the utopia and the reality of socialism was in important theme for Liedermacher in the GDR. David Robb ed., Protest song in East and West Germany since the 1960s, Rochester: Camden House, 2007, p. 4

7 The GDR was a single-party state with the SED (Sozialistische Einheitspartei) as the ruling party.

8Gundermanns´s analysis of the role of workers and management in the production process show a high degree of abstraction („Da müssen wir wohl die Füsse bemühn“, Interview mit Gerhard Gundermann, FDJ-Singe No 17, found in the archives without a date, but definitely from before 1989).

9 In allegories like Pilgrim´s Progress (1678) by John Bunyan the protagonist fights against personified virtues and vices, a tradition which goes back to the Psychomachia (first decade of the 5th century AD) by Prudentius (Jeremy Tambling, Allegory, London [u.a.]: Routledge, 2009, p. 48-9).

10 Da müssen wir wohl die Füsse bemühn“, Interview mit Gerhard Gundermann, FDJ-Singe No 17

11 One possible source is his televised speech of July 1, 1990.

Allegory (summary)

source: Gerhard Kurz Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen: Vandenhoeck, 1982, 6. Auflage 2009

An allegory is not a literary genre of its own. It is a mode of literature (Fletcher, Tambling) tied to narrative or descriptive texts. Apart from the apparent subject of the narrative or the description (initial meaning1), these texts evoke a second, allegorical meaning as suggested by the etymology of the word allegory which is made up of Greek άllon and agoreúein„anderes im öffentlichen Sprechen mit-sagen und ‚eigentlich‘ machen“ (Menke, p. 117).
[What is publicly said connotes another meaning which is the relevant content of the text.
(My translation)]

          The allegory actually says what it means – it conveys its meaning both directly and indirectly. 
          It means what it says [...], and with this and by this it connotes another meaning [...], which can
          be the really relevant one.
          Kurz, p. 38,  My translation

Allegorical texts contain references such as key terms, allusions to or indirect quotations from a praetext2, that is, a discourse3 or chronologically earlier text, which motivates readers to reconstruct the allegorical meaning (S. 35) – reconstruction, because readers are supposed to be able to connect the given clues and supplement them with information from the praetext.
The initial meaning is not completely eclipsed by the allegorical meaning, but has a value of its own (S. 34).

'die initiale Bedeutung wird als eigenständige aufgebaut und in die allegorische aufgelöst, ohne indes ihre (relative) Eigenständigkeit ganz aufzugeben.' S. 34

The allegorical meaning can also be made explicit instead of being implied. In that case the initial meaning loses its relevance such as in the song "Das Narrenschiff" by the German singer-songwriter Reinhard Mey. 

By conveying the praetext into the here and now of the reader, the allegorical text becomes part of a historico-cultural tradition and thus acquires a deeper meaning (S. 69). Due to its function in the allegorical text, the praetext itself is reinterpreted and its relevance put to the test.

"Sie [die Allegorie] konstituiert Geschichtsbewusstsein, Bewusstsein von Kontinuitäten, indem sie Altes als Neues erzählt und Neues als Altes.“ (p. 45)

Text und Praetext überlagern und durchkreuzen sich. Sie illuminieren sich dabei wechselseitig. Der Text lenkt und konzentriert die Aufmerksamkeit auf Züge des Praetextes, die sonst nicht aufgefallen wären. Er modelliert das Verständnis, die Bewertung und affektive Einstellung auf den Praetext. Er deutet ihn und deutet ihn daher auch neu. (S. 69)

The potential of allegorical texts to affirm or criticize discourse4, e.g. to be supportive or critical of ideologies or political systems, results from this interaction between text and praetext. In extreme cases the allegorical meaning can be coded in such a way that the text conceals content which is potentially dangerous to the author and can be decoded only by those who are in on the key.
(Kurz, 42)

           Due to its deviation from everyday language the use of allegory has time and again roused 
           suspicion of abetting the Other with regard to the publicly accepted – elite circles, secret 
           societies in politics, the transmission of heretic ideas in religion. Conversely, the allegorical 
           mode enabled the author to broach politically problematic topics in public and to make the 
           reader responsible for socially unacceptable content.
            Haselstein, Allegorie, DFG-Symposion 2014, S. 338, my translation.

Literary genres like the proverb, the enigma, the fable and the parable are based on the allegorical mode of representation. Besides, allegories can be found in other prose texts, in drama and also in poetry. The quest, the pilgrimage and the journey on the one hand, the battle and the debate on the other are typical narrative patterns initiating an allegorical interpretation (Kurz, S. 51, Fletcher). The metaphors of the theatre and the ship (Melville Moby Dick) are easily extended in such a way that they point to an allegorical meaning. Descriptions of dreams, visions and particular enclosed spaces (e.g. the garden) also initiate an allegorical interpretation (S. 53).
As to textually based praetexts, stories from the Bible and Greek mythology frequently occur in European literary history.


1The terminology is from Quilligan, The Language of Allegory, 1992, and explained in Kurz, p. 44.
2The terminology is from Quilligan, The Language of Allegory, 1992, and explained in Kurz, p. 44.
3As defined by Foucault.
4With Foucault "a discourse is an institutionalized way of speaking or writing about reality that defines what can be intelligibly thought and said about the world and what cannot."
http://routledgesoc.com/category/profile-tags/discourse



Short bibliography
Fletcher, Angus, 1964. Allegory: The Theory of a Symbolic Mode. Ithaca NY: Cornell University Press.
Haselstein, Ulla (Hrsg.) 2016, Allegorie, DFG-Symposion 2014, Berlin/Boston: De Gruyter.
Kurz, Gerhard (1982/2009) Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen: Vandenhoeck, 6. Auflage.
Tambling, Jeremy, 2009, Allegory, London [u.a.]: Routledge.

Allegorie (Überblick)

nach Gerhard Kurz Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen: Vandenhoeck, 1982, 6. Auflage 2009

Eine Allegorie ist kein eigenes Genre, sondern ein an erzählende oder beschreibende Texte gebundener Darstellungsmodus. Neben einem ersten, eher offensichtlichen Gegenstand des Erzählens oder Beschreibens (initiale Bedeutung)1 verweisen diese Texte noch auf eine zweite, allegorische Bedeutung wie es durch die Etymologie des Wortes Allegorie, zusammengesetzt aus griechisch άllon und agoreúein – „anderes im öffentlichen Sprechen mit-sagen und ‚eigentlich‘ machen“ (Menke, S. 117) angedeutet wird2.

'Die Allegorie sagt sehr wohl, was sie meint – sie sagt es eben direkt und indirekt. Sie meint, was sie sagt [...], und sie meint damit und dadurch noch etwas anderes [...], auf das es vor allem ankommen kann. S. 38

Allegorische Texte enthalten Schlüsselwörter, Anspielungen auf oder indirekte Zitate aus einem Praetext3, einem Diskurs4 oder chronologisch früheren Text, die die Leser zur (Re-)Konstruktion einer allegorischen Bedeutung anregen (S. 35) - Rekonstruktion, weil die allegorische Bedeutung im Text auf der Signifikantenebene angelegt ist mit der Erwartung, dass die Leser die gegebenen Hinweise verbinden und mit Informationen aus dem Praetext ergänzen können.
Dabei muss die initiale Bedeutung nicht vollständig hinter der allegorischen Bedeutung verschwinden, sondern behält einen Eigenwert (S. 34).

'die initiale Bedeutung wird als eigenständige aufgebaut und in die allegorische aufgelöst, ohne indes ihre (relative) Eigenständigkeit ganz aufzugeben.' S. 34

Die Bezüge können im Text auch explizit ausformuliert (explikative Allegorie) statt nur angedeutet (implikative Allegorie) sein. In diesem Fall verliert die initiale Bedeutung an Relevanz. Dies trifft z.B. für Reinhard Meys Lied "Das Narrenschiff" zu.
Die Kenntnis des der Allegorie zugrunde liegenden Praetextes durch die Leser wird vorausgesetzt.

Der Praetext ist die vorausgehende und vorausgesetzte Bedeutung, das schon Gesagte, Bekannte, das Gewusste und Erinnerbare. S. 45

Der allegorische Text holt den Praetext in die Gegenwart des Lesers. Er stellt sich dadurch in eine kulturgeschichtliche Tradition, wodurch er eine Tiefendimension gewinnt (S. 69). Der Prätext wird auf diese Weise zum Medium, durch das das im allegorischen Text Erzählte reflektiert wird. Aufgrund seiner Funktion im allegorischen Text, wird auch der Prätext neu interpretiert, und seine Relevanz wird auf den Prüfstand gestellt.

"Sie [die Allegorie] konstituiert Geschichtsbewusstsein, Bewusstsein von Kontinuitäten, indem sie Altes als Neues erzählt und Neues als Altes.“ (S 45)

Text und Praetext überlagern und durchkreuzen sich. Sie illuminieren sich dabei wechselseitig. Der Text lenkt und konzentriert die Aufmerksamkeit auf Züge des Praetextes, die sonst nicht aufgefallen wären. Er modelliert das Verständnis, die Bewertung und affektive Einstellung auf den Praetext. Er deutet ihn und deutet ihn daher auch neu. (S. 69)

Aus diesem Wechselspiel zwischen Text und Prätext, ergibt sich das Potential der Allegorie zur Affirmation von oder Kritik an Diskursen, z.B. auch zur Kritik an Gesellschafts- und Herrschaftssystemen. Im Extremfall kann die allegorische Bedeutung so kodiert sein, dass der Text Inhalte versteckt, die dem Autor gefährlich werden könnten und die nur von Eingeweihten erschlossen werden können.

             Wegen ihrer Abweichung vom alltäglichen Sprachgebrauch hat die Allegorie immer wieder  
             den Argwohn erregt, dem Anderen der Öffentlichkeit – häretischen religiösen 
             Überlieferungen, politischen Geheimgesellschaften, elitären zirkeln – Vorschub zu leisten. 
             Umgekehrt hat es die Allegorie Autoren erlaubt, politisch riskante Themen in der
             Öffentlichkeit lancieren und die Verantwortung für die anstößige Bedeutung auf die Leser 
             abzuwälzen.
             Haselstein, Allegorie, DFG-Symposion 2014, S. 338


Literarische Gattungen, die auf der Allegorie als Darstellungsform gründen sind z.B. das Sprichwort, das Rätsel, die Fabel, Gleichnisse und Parabeln. Außerdem finden sich Allegorien in anderen Prosatexten, im Drama und in der Lyrik.

Typische Erzählmuster, die eine allegorische Deutung initiieren sind die Suche, die Pilgerfahrt und die Reise einerseits, der Kampf und das Streitgespräch andererseits. (Kurz S. 51, Fletcher)
Das Theater und das Schiff (Melville Moby Dick) sind beliebte Metaphernfelder, die sich zur Entwicklung einer allegorischen Bedeutungsebene eignen.
Beschreibungen von Träumen, Visionen und besonderen Räumen (z.B. der Garten) initiieren ebenfalls eine allegorische Deutung (Kurz, S. 53).
In der europäischen Literaturgeschichte häufig vorkommende Prätexte sind Erzählungen aus der Bibel, der griechischen Mythologie und Heldenepen. (Kurz, S. 45)



Short bibliography
Fletcher, Angus, 1964. Allegory: The Theory of a Symbolic Mode. Ithaca NY: Cornell University Press.
Haselstein, Ulla (Hrsg.) 2016, Allegorie, DFG-Symposion 2014, Berlin/Boston: De Gruyter.
Kurz, Gerhard (1982/2009) Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen: Vandenhoeck, 6. Auflage.
Tambling, Jeremy, 2009, Allegory, London [u.a.]: Routledge.
1Terminologie von Quilligan, The Language of Allegory, 1992, zitiert in Kurz, S. 44.
2Menke, Bettine, „Allegorie: ‚Ostentation der Faktur‘ und ‚Theorie‘. Einleitung“, DFG-Symposion 2014, S. 113-135
3Terminologie von Quilligan, The Language of Allegory, 1992, zitiert in Kurz, S. 44.
4Nach Foucault: „Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit der jeweiligen Epoche.“ www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/glossar/diskurs.html

Montag, 1. April 2019

Predator or Prey: "The Reluctant Fundamentalist" by Mohsin Hamid



Predator or Prey: The Reluctant Fundamentalist (2007) 

              by Mohsin Hamid

The Reluctant Fundamentalist is a story about a talented young Pakistani who has a good chance of getting to the top of American society, but who gradually changes his mind about America after 9/11 because American society has become hostile towards strangers and because American foreign policy has become a threat to his home country. This would be an interesting story in itself. What makes it special, however, is its clever design which draws readers into the story and makes them experience the ambiguities and uncertainties both of the narrator-protagonist´s experiences as a Pakistani immigrant in America and of world politics. “Who is predator and who is prey”? is a question which they often wonder about in the course of the novel.

The reader´s attention is captured in the first few paragraphs by the unusual point of view. The narrator urges an American-looking person to have tea with him in a café in Lahore, Pakistan. In fact they spend all the evening there while the narrator is telling his life story to the American. When he remembers graduating from Princeton top of his class and starting a promising career at Underwood Samson`s, an elite valuation company, tension is built up between the young Changez´s amazing success in American society and the narrator´s present whereabouts which suggest that he has returned to Pakistan meanwhile. The anxiety which the narrator notices in the American´s behaviour makes the reader wonder if Changez has actually developed into an Islamic fundamentalist as the title suggests. On the one hand the narrator´s intention seems to be to reassure the American with his explanations about Lahore and Pakistani culture that there isn´t any danger. On the other hand his words suggest a hidden threat creating uncertainty and doubt. However, the narrator also feels threatened by the American as well which becomes obvious towards the ending of the novel when he talks about his anti-American political activities fearing that the American might have been sent to silence him.
The atmosphere becomes more and more threatening but there is no resolution. Until the end it remains uncertain “who is predator and who is prey” or if the anxiety is only the result of groundless suspicion caused by stereotypical thinking.
The relationship between the narrator and the American mirrors the relationship between Muslim countries and America. The narrator advises both sides to stop suspecting each other as a condition for peace. The narrative itself is a step towards a better understanding between the cultures as the American listener/reader becomes familiar with the point of view of an educated young Muslim whose aim to integrate in America/in the West had been prevented by circumstances.

In the course of the novel the reader learns that Changez was gradually pushed into returning to his home country because of the changes in American society and politics after the terrorist attacks of 9/11 (September 11, 2009). So the novel highlights the impact of political decisions (made in America) on the life of the individual (immigrant). When Changez hears the news of the airplanes crashing into the World Trade Centre he doesn´t anticipate that his life will change considerably as a consequence. At first he is able to ignore news of hostility towards Indian and Arab looking persons and to cope with his rage at being insulted himself because of his appearance. The TV reports on the war against terrorism in Afghanistan trigger his change of mind, but not until his home country Pakistan is threatened with war by India is he thrown off balance. He neglects his work for the first time feeling that America betrayed Pakistan which he supposes to have been neutral in the conflict. From that moment he perceives America from the point of view of the victims of its politics both military and economic (his blinders came off (chapter 10)). He becomes aware of the social consequences of the activities of Underwood Samson the company he works for both in developing countries like Chile and in America. Now he recognizes that valuing a company means deciding on its future and on the future of its employees. Reflecting Changez´s experience the narrative turns from a polite conversation in praise of America and its opportunities into an account of the collateral damage caused by its policies and finally into an accusation of America which is addressed to the American tourist as a representative of his country. Changez´s critical attitude towards America is the result of a slow and painful awakening which he asks readers to witness and to understand.
As the narrative becomes an accusation of America the atmosphere becomes more and more threatening. By now readers have come to understand that the American reaction to 9/11 has led to the destruction of Changez´s American dream, so rage seems justified. However, the narrator remains polite throughout the narrative using a language which reflects both his excellent academic education and his upper class Muslim background. However, it is the self-control taught him by his upper class Muslim upbringing which enables him to cope with the terrible rage at America and the pain caused by his girlfriend Erica and to transform it into the story of his life. On the one hand this could be considered as a repression of his emotions which could lead to their violent outbreak and finally to violence as a last consequence (Islamist fundamentalism). On the other hand it could be seen as an act of sublimation with strong emotions being turned into artistic creation, a view of writing which Erica represents. So even the narrator´s language reflects the ambiguity of and the uncertainty about Changez´s personality. Considering the narrative as an act of sublimation can be justified with an extract from an interview in which the author conceded that he wrote the novel to help him to cope with his own rage at America. With The Reluctant Fundamentalist he managed to turn it into a plea for a better understanding between cultures, especially between the Islamic and the western world.

iFinally the novel provides a psychological explanation of American politics after 9/11 on an allegorical level. It´s the choice of the name “Erica” for Changez´s girlfriend and the initials of the valuation company “Underwood Samson” which make the reader suspect that these “characters” might be personifications. The evidence is provided by the term “nostalgia” which is used to characterise both Erica´s devotion to her boy friend Chris who had died of cancer and the patriotism with which America reacted to the 9/11 attacks. As Erica gradually withdraws from real human relationships into worship of Chris, America looks back on its founding myth as an exceptional country with the God-given mission to spread its ideals and values to the rest of the world and to punish who it considers as evil.
From Changez´s point of view Erica is the culmination of the American dream he has succeeded in living. After 9/11 his feeling of being betrayed by America is echoed by his experience of being rejected by Erica as she turns towards Chris, the white Christian American (WASP)
Although at first sight the personifications seem to exist independently from Changez´s mind, a coherent interpretation is only possible if they are seen as connected with his point of view. Whereas before 9/11 Underwood Samson represents the economic side of Changez´s American dream, his chance to rise in society independent of his origin (“land of opportunity”), it comes to stand for the American empire both economically and militarily after Changez´s awakening.

One of the great achievements of the novel is that the author managed to make the characters appear as personifications with their function on the allegorical level and create individuals at the same time whose painful experience the reader feels sympathy for. Even more intriguing there is no final evidence that Changez has not developed into a Muslim fundamentalist. Although he finally realizes that he can´t erase his experience in America completely, it remains unclear which aspects of America have become a part of himself as America has turned out to violate human rights and use military force on other countries. Likewise Changez´s resolution to give up “focusing on fundamentals” could be restricted to his attitude towards his former job where only maximum profit counted. On the other hand it might extend to his world view in general which would imply that he would abstain from any kind of fundamentalism. Keeping the readers in suspension makes them experience that conflict between the cultures is far from resolved and appeals to them to listen and sympathize with a different point of view as a first step to a better understanding between the cultures.

Gudrun Rogge-Wiest, 2010

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